Epilepsie-SHG Reutlingen

 


Spur der Erinnerung


Bericht im Reutlinger Generalanzeiger am 27.01.2018

Stille Helden und Graue Busse

 

VON JULIE-SABINE GEIGER

 

 

MÜNSINGEN/ZWIEFALTEN. »Widerstand gegen den Nationalsozialismus - in welcher Form auch immer - war möglich.« Das schreibt Muhterem Aras, die Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, in ihrem Vorwort zum Buch »Mut bewiesen - Widerstandsbiografien aus dem Südwesten«, für das die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg verschiedene Autoren gebeten hat, mutige Frauen und Männer zu beschreiben, die sich dem Naziterror entgegenstellt oder sich verweigert, Opposition ausgeübt oder sich für ausgegrenzte Mitmenschen eingesetzt haben.

Es sind ganz unterschiedliche Lebensgeschichten, aufgespürt, recherchiert und geschrieben von professionellen und ehrenamtlichen Historikern, Leitern von Forschungsstellen und Gedenkstätten, die mit diesem Buch weit über den heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) beschreiben, was Frauen und Männer in Zeiten des Terrors, der Ausgrenzung, der Verrohung und des staatlichen Mordens geleistet haben. Die einen aus ihrem christlichen Verständnis heraus, andere kamen aus der Arbeiterbewegung. Bei den einen war die Haltung gegen das Naziregime politisch motiviert, bei anderen religiös. Es gab Fluchthelfer und solche, die sich für ihre jüdischen Nachbarn oder Sinti und Roma einsetzten. Wieder andere prangerten die »Euthanasie«-Morde an.

So beschreibt Thomas Stöckle, der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck bei Gomadingen, Heinrich Herrmann, den Leiter der Taubstummenanstalt Wilhelmsdorf, der sich 1940 geweigert hatte, Daten von seinen Schützlingen herauszugeben, weil er um die Selektion der Unproduktiven wusste, die in Grafeneck ermordet wurden. Er soll einen Teil seiner Heimbewohner vor der Gaskammer bewahrt haben.

Eberhard Zacher, der sich im Geschichtsverein Münsingen unter anderen Themen mit den Juden in Buttenhausen befasst, berichtet über Ludwig Peter Walz, der mit jüdischen Familien in Buttenhausen freundschaftlich verbunden war, den Hitlergruß verweigerte und sich für die Buttenhausener Juden eingesetzt hatte. Posthum sei er in seiner Heimatstadt Riedlingen, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister war, mit einem Straßennamen geehrt worden.

Zwei weitere mutige Männer aus der Region sind der Metzinger Albert Fischer, der kommunistischer Lokalpolitiker und Landtagsabgeordneter war und das KZ Buchenwald überlebt hat, sowie Jakob Stotz, der als Kommunist den Mössinger Generalstreik vom 31. Januar 1933 angeführt hatte, dafür eine zweijährige Haftstrafe kassierte und sich direkt nach dem Krieg für die Belange der Mitbürger einsetzte.

Symbol der Erinnerungskultur

Wie wohl kein anderes Mahnmal sind die Grauen Busse, mit denen die Patienten aus den Psychiatrien und Schutzbefohlene aus den Heimen in die Tötungsanstalten transportiert wurden, zu Symbolen der Erinnerungskultur an die sogenannten Euthanasiemorde der Nationalsozialisten geworden. Inzwischen sind es elf Jahre her, es war der 27. Januar 2007, dass das Denkmal der Grauen Busse als Mahnmal in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weißenau aufgestellt worden ist, die längst Teil des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg ist, um an eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern. Von dort kam auch der Impuls für ein Erinnerungszeichen.

Über dieses besondere Denkmal der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz, es sind identische Nachbildungen der grauen Transportbusse, massive Betonblöcke, in der Mitte durchgeschnitten und dadurch begehbar und mit der Inschrift »Wohin bringt ihr uns?« versehen, lassen die Herausgeber des Buches »Vergangen? - Spurensuche und Erinnerungsarbeit - Das Denkmal der Grauen Busse« ebenfalls mehrere Autoren zu Wort kommen. Historiker, Ärzte, Medizinhistoriker und Geisteswissenschaftler setzen sich aus ihrer jeweiligen Perspektive mit dem Thema »Euthanasie« im Dritten Reich auseinander. In weiteren Kapiteln geht es um das ungewöhnliche Kunstwerk, seine Einordnung in die Mahnmallandschaft und ob dieser künstlerische Beitrag überhaupt dafür geeignet ist, der Opfer von Gewalt und Terror zu gedenken. Thomas Müller, der Leiter des Württembergischen Psychiatriemuseums und Koordinator des Forschungsbereichs Geschichte und Ethik in der Medizin aller Zentren für Psychiatrie in Baden-Württemberg, und Paul-Otto Schmidt-Michel, der ehemalige ärztliche Direktor des ZfP Südwürttemberg, widmen sich als Herausgeber des Buches der Aufarbeitung der Geschichte der psychiatrischen Klinik in der NS-Zeit. (GEA)


Am 15.Juni 2014 besuchten wir die Gedenkstätte und ehemalige Tötungsanstalt der NS-Zeit in Grafeneck. Es war schon erschreckend und manchen ging es richtig an die "Nieren", die Vergangenheit der deutschen Geschichte aufzuarbeiten. Viele von uns wußten gar nicht, was Euthanasie bedeutet. Aber dass hier auch Epileptiker umgebracht wurden, wußten die wenigsten.

Zum Schluß tranken wir noch etwas erfrischendes in einer Gartenwirtschaft als Aufmunterung zum düsteren Erlebnis in Grafeneck.

Es war ein ereignisreicher, schöner Tag und wir waren immerhin 21 Personen.

Hier einige Bilder:


auch für Epileptiker ein wichtiges Thema.

Sechs Euthanasie-Tötungszentren wurden eingerichtet, vorwiegend in bereits genutzten psychiatrischen Kliniken:

Download
Euthanasie Tötungszentren.pdf
Adobe Acrobat Dokument 65.6 KB

Das Mahnmahl der grauen Busse wird alle 2 Jahre seinen Standort wechseln
Das Mahnmahl der grauen Busse wird alle 2 Jahre seinen Standort wechseln

Die Euthanasieopfer wurden in grauen Bussen in die "Ferien" gefahren

Die Opfer der Massenvernichtung wurden in den grauen Bussen u.a. nach Grafeneck gebracht. Wie es zu der großangelegten Aktion kam, lässt sich so rekonstruieren: Die Klinik Bedburg-Hau galt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als eine der größten des Deutschen Reichs. »Im März 1940 wurden 2 200 bis 2 500 Patienten deportiert, um Platz für ein Lazarett zu schaffen«, erläutert Dr. Marie Bill, ärztliche Direktorin in Bedburg-Hau. Der Kommission, die die Patienten selektierte, gehörten auch die Tötungsärzte von Grafeneck an, Horst Schumann und Ernst Baumhard. Einzelheiten zur Vorgehensweise bleiben im Dunkeln: Militärische Dienstanweisungen und ähnliche Dokumente wurden offenbar vernichtet.



Eine Glaswand für die Euthanasieopfer, unter Ihnen waren auch Epileptiker

Mahnmahl der Euthanasie-Opfer der NS Zeit  Hier

Bericht im Berliner Tagesspiegel


Themenbezogener Pressebericht hier

Bericht im Reutlinger GEA von den Greueltaten der NS-Zeit, in der auch Epileptiker umgebracht wurden

Bericht vom 06.03.2012 im Reutlinger GEA. Siehe > 

 

Mit freundlicher Genehmigung vom Marion Schrade (GEA)


Im Okt. 2009 nahmen wir an der Menschenkette „Spur der Erinnerung“ zum Gedenken an die Euthanasiemorde in Grafeneck in der NS-Zeit, in Bad Urach teil. In Grafeneck wurden u.a. auch Epileptiker umgebracht. Sie galten als Geisteskranke und unnötige „Mitesser“.
Hier wurde eine lila Spur (vom Planort zum Tatort) von Grafeneck bis nach Stuttgart auf die Strassen gepinselt.


„Spur der Erinnerung“ zum Gedenken an die

Euthanasiemorde in Grafeneck


Epilepsiekranke im "3. Reich"

Epilepsiekranke - verfolgt

Zur Zeit des "Dritten Reiches" wurde die "Fallsucht" auch von Medizinern (fälschlicherweise) überwiegend als eine Erbkrankheit angesehen - sei es aus "rassenhygienischer Verblendung" der Ärzte, sei es auf Grund fehlenden medizinischen Wissens.

So war z.B. der damalige Korker Anstaltsarzt der Ansicht, dass 80% der Korker Heimbewohner an "erblicher Fallsucht" litten.

   
 

Zu den besonders menschenverachtenden Vorgehensweisen der Nationalsozialisten im "Dritten Reich" gehörten "rassenhygienische Maßnahmen", zu denen auch das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" zählte, das am 14. Juli 1933 von der Reichsregierung beschlossen wurde:


Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses

§ 1
Wer erbkrank ist, kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, daß seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden.

Erbkrank im Sinne dieses Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet:

 

 

1. angeborenem Schwachsinn,
2. Schizophrenie,
3. zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein,
4. erblicher Fallsucht,
5. erblichem Veits-Tanz (Huntingtonsche Chorea),
6. erblicher Blindheit,
7. erblicher Taubheit,
8. schwerer erblicher körperlicher Mißbildung.

Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet.


Im Jahre 1940 wurden allein in Schloß Grafeneck mehr als 10 000 behinderte Menschen ermordet - darunter waren auch viele epilepsiekranke Behinderte. Aus den Korker Anstalten wurden 1940 in 2 Transporten insgesamt 113 Epilepsiekranke nach Grafeneck gebracht und dort umgehend ermordet.

 

Quelle: Deutsches Epilepsiemuseum Kehl/Kork