Epilepsie? Ein Thema für Schulen?

"Epilepsien - eine Herausforderung für jede Schule!?" Da kommen die meisten Lehrerinnen/Lehrer ins Schwitzen.

Sind unsere Schulen für alle Kinder offen? Auch für epilepsiekranke Kinder? Unsere Kinder

verbringen in den ersten 15 Jahren ihres Lebens den Großteil der Zeit in Kindergarten und

Schulen. Dennoch sind bis heute große Unsicherheiten und Informationsmängel quer

durch alle Bevölkerungsschichten anzutreffen. Auch die Menschen, die als Erzieherinnen,

als Lehrer oder Ausbilder epilepsiekranke Kinder und Jugendliche begleiten, sind oft kaum über das Krankheitsbild und die besondere Situation der Betroffenen informiert. Daraus resultieren Ängste, Verunsicherungen, Vorurteile und Fehlverhalten.

Epilepsie im Kindergarten: Jedes Kind, auch ein epilepsiekrankes Kind, hat das

gesetzlich festgelegte Anrecht auf den Besuch eines Kindergartens, denn der

Kindergarten leistet einen wichtigen Beitrag zur sozialen Integration. Daher sollten auch

Eltern epilepsiekranker Kinder den Schritt in die neue Selbständigkeit wagen. Aber:

Welcher Kindergarten ist der richtige? Sind die Erzieherinnen und Erzieher entsprechend

ausgebildet und können sie meinem Kind im Falle eines Anfalls helfen? Das sind nur

einige der Bedenken, die sicherlich viele Eltern in dieser Zeit beschäftigen.

Aber hier wird allzu leicht der Weg des kleineren Widerstandes gewählt, bei den Lehrern

als auch bei den Eltern. Man will überzeugen, indem man eine Sonderschule empfiehlt –

und den Eltern dadurch Schwierigkeiten abnimmt, so deren Hauptargument. Dabei ist

Epilepsie nur eine kurzzeitige „Auszeit“ des Gehirns, nur wenige Sekunden, doch viele

Lehrer, Erzieher sind in dieser Richtung nicht ausgebildet. Die meisten haben von

Epilepsie noch nie etwas gehört, das ist traurige Tatsache. Dabei könnten gerade die

Erzieher, Pädagogen und Aufsichtspersonen viel zum Krankheitsverlauf und der

anschließenden ärztlichen Behandlung beitragen!

Epilepsie in der Schule: Ich habe in meiner Schulzeit (das war 1946-1954) einen Schulfreund mit Epilepsie gekannt. Der hatte Auren und Absencen, aber er wurde

integriert. (Ich hatte da noch keine Epilepsie). Der Lehrer sagte immer zu uns: passt auf

Dietmar auf wenn er blinzelt. Wir haben aufgepasst und haben darauf geachtet, dass er

nicht umfällt. Das war für uns damals ganz normal und wir lernten so Verantwortung für

den Mitmenschen zu übernehmen. Warum sollte das heute nicht möglich sein? Das

Verständnis zum Schulkameraden mit einem Handicap hat sich nach 55 Jahren eher

verschlechtert.

Gerade in den ersten Jahren spielen nicht nur das lernen des "kleinen Ein-Mal-Eins",

sondern auch die Integration des Kindes in die Gruppe der Mitschüler und das erlernen

weiterer sozialer Fähigkeiten eine wichtige Rolle. Daher ist insbesondere für Eltern

epilepsiekranker Kinder die Wahl der richtigen Schule von großer Bedeutung. Auch Kinder mit Epilepsie können und sollten, wenn möglich, eine Regelschule besuchen. Werden sie dort allerdings anders behandelt als die anderen Schüler, besteht die Gefahr, dass sie schnell zu Außenseitern werden. Zudem können auftretende Anfälle andere Kinder möglicherweise verängstigen und dazu führen, dass sie sich von dem erkrankten Kind distanzieren. Aufgabe der Eltern und der Lehrer ist es daher, Freunde und Mitschüler über die Erkrankung des betroffenen Kindes zu informieren und ihnen die Angst vor den Anfällen zu nehmen. Es ist ganz wichtig zu sagen, dass der Mitschüler nichts für seine Krankheit kann. So kann von Anfang an dafür gesorgt werden, dass das an Epilepsie erkrankte Kind in der Gruppe der Mitschüler gut akzeptiert wird.

Die meisten epilepsiekranken Kinder unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Intelligenz nicht von gesunden Kindern. Daher können sie wie jedes gesunde Kind auch, eine Schule

besuchen, die ihren Fähigkeiten und Begabungen entspricht. Gegen den Regelschulbesuch spricht also grundsätzlich nichts. Dennoch sollte eine

neuropsychologische Untersuchung die Grundlage für die Wahl der Schulform sein.

Natürlich gibt es auch Härtefälle, das darf man auf keinen Fall verschweigen: Hat das

betroffene Kind häufig Anfälle oder wird die Lern- und Leistungsfähigkeit des Kindes durch starke Medikamenten-Nebenwirkungen, längere Krankenhausaufenthalte oder soziale Ausgrenzung beeinträchtigt, kann es sinnvoll sein, das Kind in eine Schule für

körperbehinderte Kinder einzuschulen. Hier werden Kinder in sehr kleinen Klassen

individuell in allen Leistungsstufen gefördert. Da Epilepsie in solchen Fällen eine

Körperbehinderung darstellt, hat es Anspruch auf einen Platz in einer solchen Schule.

Ich möchte trotz meiner Epilepsie von meiner Umwelt nicht in einen abgesonderten

Rahmen gesteckt werden. Ich möchte trotz meiner Epilepsie von anderen keine

Einschränkungen auferlegt bekommen. Ich möchte trotz meiner Epilepsie «für alles

offen» bleiben, was zum Leben gehört. Ich möchte eine gute Lebenqualität erreichen, auch mit Epilepsie.

Dieses oder ähnliches sagen die meisten Epilepsiekranken und das sollte auch ein

vorrangiges Ziel sein. Ein eigenständiger, selbstbewusster Epileptiker sollte nicht in ein

Heim abgeschoben werden. Ich wünsche allen Eltern, Lehrern und Kindergärtnerinnen eine ruhige und besonnene Art, mit dem Umgang Ihrer epilepsiekranker Kinder. Loslassen können und dem Betroffenen auch etwas zutrauen können fällt zwar schwer, aber gerade das kann zur Eigenständigkeit beitragen.

 

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Ärzten und Eltern ist die Voraussetzung

für ein Gelingen dieses Vorhabens.

 

Viel Erfolg dazu wünscht

 

Dieter Schmidt

 

 

 

Nachtrag

 

Bei einer gleichzeitig bestehenden geistigen Behinderung des Kindes kann eine Betreuung in einer Sonderschule sinnvoll sein. Spezielle Schulen für epilepsiekranke Kinder gibt es in großen Epilepsiezentren.

 

Lehrer und Mitschüler informieren und einbeziehen

Nicht jeder Lehrer hatte bereits ein epilepsiekrankes Kind in seiner Klasse und kann mit der Situation deshalb nicht richtig umgehen. Daher ist es sehr wichtig, Lehrer und (je nach Wissensstand der Klasse) auch die Mitschüler über die Krankheit Ihres Kindes genau zu informieren und bestimmte Vorgehensweisen im Vorfeld abzusprechen. Die Klasse sollte über die Art der Anfälle und mögliche Konsequenzen für den Umgang mit dem betroffenen Mitschüler informiert sein.

 

Nützliches für Schule und Schullandheim

Je nach Art der Epilepsie kann es sinnvoll sein, dem Kind für den Fall eines Anfalls  Ersatzkleider in die Schule mitzugeben. In seltenen Fällen kann auch bei einem großen Anfall etwas in die "Hose" gehen, hier sollten Lehrer aber auch Mitschüler ein besonderes Feingefühl zeigen. Denn das Kind macht ja nicht absichtlich.

Für einen geplanten Ausflug ins Schullandheim ist die Mitgabe einer Medikamentenbox für eine Woche (Dosette) hilfreich. Sie erleichtert die geregelte Medikamenteneinnahme. Evtl. kann es auch beruhigend sein, wenn der Lehrer die Medikamenteneinnahme kontrolliert. Dies ist im Vorfeld zu vereinbaren. Aber eine Anfallsfreiheit mit Medikamenten wäre von großem Vorteil, dann würde ein teilnemen ins Schullandheim nichts im Wege stehen.

 

Für ein epilepsiekrankes Kind sind folgende Punkte besonders wichtig.

Mitternachtspartys im Zimmer des Kindes, sollte vermieden oder minimiert werden. (Schlafentzug) Ebenso ist es wichtig, dass An- und Abreise nicht über Nacht erfolgen.

Eine geregelte Medikamenteneinnahme ist bei Epilepsie von großer Bedeutung.

Generell ist auf den Ausschank von Alkohol an Jugendliche zu verzichten.

 

Ziel der Betreuung eines Kindes mit Epilepsie ist es, das Kind seinen Fähigkeiten entsprechend zu unterstützen, sein Selbstbewusstsein zu stärken und es möglichst gut in die Gruppe zu integrieren. Überforderung, aber auch eine zu starke Behütung des betroffenen Schülers können Gegenteiliges bewirken. Halten Sie daher nicht jegliches Risiko vom Schüler fern, sondern bieten Sie ihm Hilfe, wenn er Unterstützung braucht. Bei Freizeitaktivitäten und Sport mit erhöhter Unfallgefahr ist in jedem Fall eine Aufsicht oder Hilfe zu gewährleisten. (Schwimmen, klettern) Epilepsie bedeutet nicht automatisch, dass körperliche Aktivität oder Sport verboten sind. Körperliche Anstrengung und Konzentration können erfahrungsgemäß sogar eher eine anfallsverhindernde Wirkung haben.

Arbeiten am PC mit Vorsichtsmaßnahmen kein Problem, Vorsicht ist in erster Linie bei der sogenannten photosensibler Epilepsie geboten.

 

Dieses sind Tips und Maßnahmen für Lehrer und Aufsichtspersonen

 

Dieter Schmidt am 09.11.2017

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Kommentare: 1
  • #1

    Anja D.-Zeipelt (Donnerstag, 30 November 2017 09:35)

    Das ist ein sehr schwieriges, aber interessantes Thema. Bei unseren Telefonberatungen kommt es immer wieder zur Sprache - sowohl positiv als auch negativ. Besonders erschreckend finde ich die negativen Berichte, gehen die Diskriminierungen doch hauptsächlich von den Erwachsenen aus. Ob Lehrer oder Eltern, manche sind extrem verbohrt und haben kein Problem damit, genau dies den Kinden "einzuimpfen". Die positiven Fälle sind dagegen sehr offen und erfreut über Aufklärung. Ich habe in Kindertagesstätten Vorträge gehalten und gesehen wie verwundert die Erzieher/Betreuer über dies oder jenes waren.

    Wichtig finde ich, dass nicht ständig Epilepsie einzig mit Grand mals gleichgesetzt wird. Gerade im Kindes-und Jugendalter sind Absencen sehr häufig und die bedürfen keiner überbordenden Vorsichtsmaßnahmen oder Handlungen. Unaufgeregte Aufklärung war und bleibt hier das wichtigste. Glücklicherweise wird hier immer weiter an genau so einer Aufklärung gearbeitet. Ich gebe Bescheid, wenn ich weiß wann und wo man die Informationen beziehen kann.

    Bis dahin wünsche ich alles Gute für alle Betroffenen