Epilepsiebehandlung 1960 und 2010

Verhalten der Menschen mit Epilepsie 1960 

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo Epilepsie ein Tabu-Thema war. Über Epilepsie wurde in den den 60-ger Jahren nicht gesprochen, Epilepsie wurde weitgehend ignoriert oder verharmlost. Die NS-Zeit war ja immerhin erst 15 Jahre vorbei und die damaligen Horrortaten steckten den Leuten, hauptsächlich den Ärzten, noch in den Gliedern. Immerhin waren sie es, die die damaligen unwerten Leben in den Tod schickten. Und dieselben Ärzte sollten nun Epileptiker behandeln – ein unheimlicher Spagat!! Es war also durchaus nachzuvollziehen, dass die damaligen Betroffenen und deren Angehörigen die Krankheit verheimlichten so gut es eben ging. Bei den weniger spektakulären Epilepsiearten war dies auch überhaupt kein Problem, man wurde als nervös oder fahrig diagnostiziert. Bei den grossen Anfällen (Grand mal) wurde das schon etwas dramatischer, hier stiessen die damaligen Ärzte an ihre Grenzen. Es wurde die „Fallsucht“ als Erb-und Geistes-krankheit eingestuft. Ich hatte damals (1955) das grosse Glück, an 2 junge, mutige Kinderärzte zu geraten. Sie waren die Vorläufer der neuen Epilepsiediagnostik. Spezialisten wie die heutigen Epileptologen gab es damals nicht! Die Behandlung bestand grundsätzlich aus äusserlicher Beobachtung und , das war neu, dem EEG. Medikamente waren Brom und Valproinsäure, Uraltmedikamente die teilweise heute noch Anwendung finden.

Verhalten der Menschen mit Epilepsie 2010

In den letzten 25 Jahren hat sich enormes getan. Diagnostische Gräte wie CMT, MRT wurden immer mehr verfeinert auch die Medikamente wurden immer besser und griffen die inneren Organe nicht mehr so sehr an. Zu guter Letzt kam die Epilepsiechirurgie, die schwere Epilepsien sehr gut behandeln kann. Man kann also insgesamt sagen, dass die gesamte Epilepsiebehandlung einen Erfolg verzeichnen kann.

Was gravierend auffällt, ist das Verhalten der Menschen damals und der Menschen heute.

Damals waren die Menschen bei weitem nicht so aufgeklärt wie heute, der Arzt war noch der Gott im weissen Kittel! Seine Meinung zählte und man glaubte es. Die Grand-mals wurden mit „Kanonen“ beschossen und die kleinen Anfälle meisst vernachlässigt. Man kann sagen, wir waren sehr naiv weil wir es nicht besser wussten. Aber die Anzahl der Epileptiker muss sogar noch höher gewesen sein als heute. Denn es gab ja viele Kriegsverletzte mit Kopfwunden und solche Menschen hatten oft Epilepsie. Aber, und da wiederhole ich mich leider gerne, auch diese Leute verschwiegen ihre Krankheit.

Heute sind die Menschen durch die neuen Medien so gut aufgeklärt, dass die Ärzte sehr in Nöte kommen, wenn ein selbstbewusster Epileptiker als Patient in die Praxis kommt. Das ist gut dass mancher Epileptiker sein eigener Sezialist geworden ist, aber Vorraussetzung für eine gute Behandlung kann nur eine gegenseitige vertrauliche Basis sein.

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Lisa (Donnerstag, 31 Mai 2012 18:55)

    Puuhh... , das ist echt krass. Gut das Du von früher schreibst, das finde ich cool.
    lg
    lisa

  • #2

    Marco (Freitag, 01 Juni 2012 08:56)

    Hallo Dieter,
    das ist ein sehr schöner Text.
    Und ich kann sogar in den Jahren, von 1981 bis jetzt die Veränderung schon bemerken. :-)
    Trotzdem ist Aufklärung wie du ja schon schreibst, das oberste Gebot. :-O

  • #3

    Dieter (Montag, 04 Juni 2012 15:40)

    Danke,
    ich finde es gut, wenn jüngere Leute sich über dieses sehr schwierige Thema auch gedanken machen.
    Liebe Grüsse
    Dieter